
Grimmsches Märchen also – nicht unbedingt ein Garant für zeitgemäßes Entertainment, eher ein leicht angestaubter Zeuge für eine anonyme, längst vergessene Volksseele. Aber das Berliner Theater Zwo glaubt an die therapeutisch-moralisierende Funktion der alten Gattung und holt die Geschichte um den Kampf zweier ungleicher Figuren in die Jetztzeit.
Im Mittelpunkt jener cleveren Mischung aus Schauspiel Puppentheater und Musik (Schlagwerk: Mario Hohmann) steht der eingefahrene Kleinbürgeralltag des dauercampenden Igel-Ehepärchens. Zwar bedient sich das heile Campingplatzidyll aus Badeschlappen und Plastikblumen den üblichen stereotypen Klischees, doch treffen urkomische Szenen wie die Zubereitung schleimiger Nacktschnecken auf dem Grill voll ins Schwarze: Ingo Igel hat am Grill die Hosen an, seiner nörgelnden Frau kann er es nie ganz recht machen. Beinahe nebensächlich wirkt die furiose Slapstick-Komödie um den zentralen Wettlauf mit den scheel dreinblickenden Puppenhasen, einem berlinernden Krakeeler, der bereits vor der übergroßen Anstrengung dem jovialen Wahnsinn verfallen war.
Peter Lutz spielt seinen Igelmann konturenreich und voller Witz. Eigentlich recht tollpatschig und ziemlich verweichlicht, gibt er sich doch alle Mühe vor seiner Frau (Melanie Sowa) den blasierten Macho raushängen zu lassen. Das führt natürlich zu Spannungen in der Ehe, und man stellt gar fest, keinerlei gemeinsame Interessen zu teilen.
Doch das Igelpaar mit den Schaumstoffnoppen auf dem Rücken ist selbst nach 16 Jahren Ehe gottlob noch zu einem Kompromiss fähig: Ein neues Wohnmobil möchte man sich von dem ergaunerten Wetteinsatz zulegen. Und die Moral von der Geschicht’? Camper bleibt Camper, auch Geld ändert das nicht! Zu Recht viele Bravos für die Darsteller.
02 (MÜNCHNER MERKUR APRIL 2005 VON DR. BÄRBEL FLOß)
Schlau und einig , Igelpaar gewann alle Sympathien
Das Grimmsche Märchen vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel hat das Theater Zwo aus Berlin in faszinierender Weise in Bilder umgesetzt und nun auch in Dachau zur Aufführung gebracht. Schlagzeuger Mario Hohmann begleitete nuanciert und quirlig, so dass Puppen- und Schauspiel frappierend lebendig und kurzweilig gerieten und in humorvoller Manier die Quintessenz der Fabel vermittelt wurde: „ Dass erstens sich keiner, und wenn er sich noch so vornehm dünkt, sich einfallen lassen soll, sich über einen einfachen Mann lustig zu machen. Und dass zweitens es ratsam ist, wenn einer freit, dass er sich eine Frau aus seinem Stande nimmt, die ebenso aussieht wie er. „
Was die Gebrüder Grimm eher antiquiert postuliert haben, hat das Theater Zwo auf eine zeitgemäße Ebene transponiert und Kindern ab dem Vorschulalter zugänglich gemacht. Die Inszenierung war hinreißend und klug durchdacht. Emotional, exzentrisch und spannungsreich wechselte die Darstellung flüssig zwischen Schauspiel und Puppenspiel hin und her. Das weitläufige Geschehen repräsentierten Puppen, gespielt von Melanie Sowa und Peter Lutz. In detaillierten Szenen traten die Beiden in originellen Igelkostümen selbst auf die Bühne und stellten ein gar lustiges Igelleben vor. Weil nach dem langen Winterschlaf ein opulentes Mahl guttut, gehen die beiden auf Schneckenjagd, um die gefangenen Tierchen dann zu grillen und sie anschließend genüsslich mit Zwiebelchen, Gürkchen, Ketchup und Mayonnaise zwischen zwei Semmelhälften zu verspeisen.
Herrlich auch die Szene, in der Igelmann Ingo seine Igelfrau Ilse mit markigen Worten zu majorisieren versucht, sie sich ihm jedoch heftig widersetzt – Alltagsszene einer Ehe? Vielleicht. Tatsache bleibt, dass sich beide, in Frieden vereint, in roten Laufschuhen, die „schneller als der Wind“ sind, auf das Feld begeben und den Wettlauf, der Kernstück des Stückes war, trickreich gewinnen. Denn der vorlaute und dreiste Hase Hartmut der Igelmann und –frau nicht auseinander halten kann, rennt zwischen den beiden hin und her, ohne zu erkennen, dass ihn die beiden zum Narren halten. Igelfrau und Igelmann führen derweil fetzige Dialoge per Funkgerät: „Raketen-Ingo an Sputnick-Ilse. Hase in Sicht – Küsschen - Over.“ Bei soviel Empathie war klar, dass wichtiger als der im Wettrennen gewonnene Goldtaler die Liebe zwischen zwei Menschen ist“ Das, was ich will, bist du, rappten die beiden zum Rhythmus des Schlagzeugs und rieben ihre stacheligen Rücken zärtlich aneinander.
Welch wunderbare Botschaft!
03 (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG APRIL 2005 VON SABINE ZAPLIN)
Angestachelter Igel
Man lässt sich wirklich eine Menge gefallen als Igel, jetzt mal ehrlich. Das einfache Leben im Zelt, die gegrillten Schnecken, die vorher noch mit dem Kescher gefangen werden müssen, und selbst die mies gewachsenen Rüben. Aber dass der Hase einen einfach „Lahmarsch“ nennt, geht nun wirklich zu weit. Das braucht sich ein anständiger Igel nicht gefallen zu lassen. Alles, was recht ist. Darum hat sich Ingo Igel auf diese dusselige Wette mit Hartmut Hase eingelassen und sogar noch einen Taler und eine Buddel Schnaps als Preis ausgesetzt, was seine Frau Ilse nun für völlig bekloppt hält. Aber nun ist es mal ausgemacht. Was soll Ingo Igel nun machen? Zum Glück hat er sich gleich diese schnellen roten Schuhe gekauft und für Ilse auch gleich ein Paar. Wie gut, dass er ihr eins mitgebracht hat. Denn so kamen sie überhaupt erst auf die Idee, dass einer von ihnen am Start steht und einer am Ziel.
Mit Tempo, Action und sehr viel Witz haben die Schau- und Puppenspieler vom Theater Zwo aus Berlin die Geschichte um „Hase und Igel“ gezeigt. Ihr Gastspiel im Rahmen des Gautinger Kinderfrühlings war ein großer Spaß nicht nur für das Zielpublikum, sondern ließ auch deren erwachsene und erziehungsberechtigte Begleiter von einer Lachsalve in die nächste fallen. Im dickstacheligen Schaumstoffkostüm waren die beiden überlebensgroße und besonders tapsige Igel, die es sich vorm Igluzelt auf Campinghockern gut gehen ließen und ein leicht stacheliges, aber eigentlich doch kuschelweiches altes Ehepaar mimten.
Die Begegnung mit dem arroganten Hasen und das Rennen selber fanden dann en miniature auf der Puppenbühne im Hintergrund der Campingszene statt. Diese bot mit Acker, Raupe und kleinem kugelrundem Dorfhügel gute Spielmöglichkeiten für die Handpuppen und eine ordentliche Prise Slapstick.
Das Spieltempo feuerte nicht zuletzt auch die Percussion an, die einen Klangteppich als Spielbasis bot und das Rennen zwischen Hase und Igel entsprechend anfeuerte. Und wenn dann die beiden schlauen Igel am Ende überlegen, wie sie nun den erlaufenen Taler am besten anlegen und über allen Wünschen und Träumen ganz ohne Stacheln feststellen: „Was ich will, bist du“, dann reimt sich darauf ganz ohne hasenblödes Grinsen einfach nur „Schubidu“. Und das ist gut so.
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